Antisemitismus
WTF?

Völkisch-rassistischer Antisemitismus

Die Parole »Wir sind das Volk« ist 1989 im Zuge von Demonstrationen von DDR-Bürger_innen gegen die Einheitspartei SED bekanntgeworden. In den letzten Jahren hat sich die rechte Sammelbewegung »PEGIDA« diese Parole zu eigen gemacht und sie völkisch aufgeladen. Statt politische Mitbestimmung zu fordern, wurde mit dem Spruch nun rassistische Hetze betrieben. Denn zum Volk zählen für PEGIDA-Anhänger_innen nur Deutsche, die keine Migrationsgeschichte haben. Diese Vorstellung hat eine Tradition, die mit völkisch-rassistischem Antisemitismus verbunden ist.

»Wirr ist das Volk«

Hass auf Juden_Jüdinnen gab es schon lange vor dem Nationalsozialismus. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts fußte dieser Hass auf dem christlichen Antijudaismus, bei dem religiös argumentiert wurde. Seit dem Mittelalter kamen diverse Verschwörungserzählungen hinzu, wie z.B. Ritualmordlegenden oder dass Juden_Jüdinnen Brunnen vergiften würden oder für Krankheiten verantwortlich seien. Die ersten sogenannten Rassentheorien gehen auf den französischen Schriftsteller Arthur Comte de Gobineau zurück, der 1853/1855 entsprechende Aufsätze veröffentlichte. Diese Theorien folgten der Idee, es gäbe verschiedene Menschenrassen und die »nordische« beziehungsweise »arische« stünde dabei über anderen.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts gewannen Parteien und Organisationen an Zulauf, die die Abschaffung der Bürgerrechte für Juden_Jüdinnen zum Ziel hatten. Zu dieser Zeit kristallisierte sich ein politischer Antisemitismus heraus. Parteien wie die Christlich-soziale Partei oder Deutschsoziale Partei und Petitionen, vor allem die sogenannte Antisemiten-Petition von 1880/81 sind gute Beispiele dafür. Die Frage, was deutsch sei, wurde zunehmend mit einem gegensätzlichen Feindbild beantwortet. Im Folgenden wurden Juden_Jüdinnen als all das beschrieben, was vermeintlich als nichtdeutsch galt.

Einen ähnlichen Standpunkt vertraten auch Anhänger_innen des völkisch-rassistischen Antisemitismus. Sie stellten die Vorstellung eines »arischen« Volkes in den Mittelpunkt ihrer Weltanschauung. Ihr Ziel war die »sittliche Wiedergeburt des deutschen Volkes«. Gemeint ist damit das Verunmöglichen jüdischen Lebens im deutschen Kaiserreich (und danach). Die völkisch-antisemitische Bewegung konzentrierte sich auf Interessenverbände und Vereine. In völkischen Vereinen wurden schon lang vor dem Nationalsozialismus sogenannte »Arierparagraphen« eingeführt, die Mitgliedschaften von Juden_Jüdinnen ausschlossen. Manche Anhänger_innen gründeten auch »deutschvölkische« Siedlungen auf dem Land. Dort versuchten völkische Siedler_innen eine »Rassenveradelung« umzusetzen – also relativ abgeschottet unter sich zu leben. Wichtig für die völkische Bewegung war dabei immer eine Heimatideologie, wonach bestimmte Gebiete mit dem deutschen Blut verbunden seien.

Die völkische Bewegung hatte nach der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg einen erheblichen Zuwachs an Mitgliedern. Die einflussreichste völkische Organisation war der »Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund« (DVSTB). Die Mitgliederanzahl stieg hier von 25.000 im Jahr 1919 auf 180.000 im Jahr 1922 an. Der DVSTB forderte den Entzug der Bürgerrechte für Juden_Jüdinnen, wollte ihnen diverse Berufe verbieten und sie sogar in einem Register mit Namen und Adressen auflisten (»Judenkataster). Viele spätere NS-Eliten waren im DVSTB aktiv.

Die meisten Mitglieder völkischer Organisationen traten später in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein. Die Zahl der Mitglieder anderer völkischer Organisationen verringerte sich daraufhin stark. Mit dem Nationalsozialismus wurden esoterische Glaubenssätze verbreitet, die vorher in kleineren völkischen Vereinen entwickelt wurden. Diese Mythen beschworen einen Kampf zwischen der nordischen und der jüdischen »Rassenseele«. Es wurde sogar behauptet, Jesus sei kein Jude gewesen sondern die Verkörperung der nordischen Rassenseele selbst.

1935 wurde mit den Nürnberger Gesetzen eine rechtliche Unterscheidung in »Arier« mit vollen politischen Rechten und »Nichtariern« ohne politische Rechte begründet (»Reichsbürgergesetz«). Ebenso wurde ein Verbot von Eheschließungen und sexuellen Beziehungen zwischen »Ariern« und Juden_Jüdinnen erlassen. So wurde durch den NS-Staat bestimmt, wer als jüdisch gilt und wer nicht. Diese rassentheoretische Vorgehensweise bediente sich absurderweise der Religionszugehörigkeit, um festzustellen, wer als jüdisch gelabelt wurde und wer nicht.

Mit den Rassentheorien wurde auch die Vorstellung populär, dass das äußere Erscheinungsbild eines Menschen auf dessen Verhalten und Moral schließen lasse. Juden_Jüdinnen wurden im völkisch-rassistischen Antisemitismus mehrere Körpermerkmale unterstellt, die von gängigen Schönheitsidealen abwichen. So zum Beispiel eine große Hakennase, die zu dieser Zeit eine hohe sexuelle Aktivität und Perversion symbolisierte. Die gekrümmte Haltung sollte Unehrlichkeit darstellen, das Bild von Juden_Jüdinnen mit X- oder O-Beine sowie Plattfüße hatte die Funktion Juden_Jüdinnen als nicht wehrtüchtig zu markieren . Im militarisierten Kaiserreich war die Wehrtüchtigkeit einer der wichtigsten sozialen Faktoren.

Das zentrale Motiv der völkischen Bewegung war der Antisemitismus, auch wenn andere menschenfeindliche Ideologien ebenfalls eine Rolle gespielt haben . Noch heute gibt es völkische Siedler_innen in Deutschland . Einige esoterische Weltanschauungen knüpfen an die völkischen Glaubenssätze an und leugnen beispielsweise die Corona-Pandemie. Wenn auf Demonstrationen die Rufe »Wir sind das Volk« oder »Deutschland den Deutschen« erschallen, dann steckt dahinter ein völkisch-rassistisches Weltbild, das mit dem Antisemitismus zutiefst verbunden ist.

Beispiele